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Alle, die mir Gott gibt, werden zu mir kommen, und die zu mir Kommenden werde ich nicht hinauswerfen. (Joh 6,37)

Meine Schreie ergießen sich wie Wasser

Andacht auf der Suche nach Worten, mit denen sich leben lässt

von Barbara Kohlstruck

Barbara Kohlstruck

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Hinweise für die Leiterin:
- Die Andacht ist weniger für den Beginn als für den Abschluss einer Veranstaltung konzipiert. Sie hat eher meditativen als diskursiven Charakter und verlangt nach einer ruhigen, konzentrierten Atmosphäre.
- Wenn Ihnen die zwei Gebete zu Beginn (siehe S. 27 und S. 28) zu dicht erscheinen, können Sie sie kürzen oder finden vielleicht auch andere Texte.
- Gut ist, neben einer Hauptsprecherin zwei weitere Personen zu haben (A und B), die die entsprechenden Texte lesen.
- Ich empfehle einen Stuhlkreis und eine klare, schlichte Mitte: eine einzelne Blume in einer Glasvase o.ä. auf einem einfarbigen Tuch.
- Die vorgeschlagenen Lieder sind vielleicht nicht allen geläufig, deshalb ist ein begleitendes Instrument (z.B. Flöte) hilfreich.
- Die biblischen Texte folgen der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache.

Hinführung
Wir haben uns heute mit einem schwierigen Thema befasst: Wir haben uns mit komplizierten Fragen rund um das Thema Organtransplantation auseinandergesetzt. – hier evtl. nochmals konkreter auf das eingehen, was genau Thema war

Wir wollen nun Andacht halten,
unsere Gedanken sammeln,
unser Herz ausrichten
auf das, was trägt.
Wir wollen dabei Worte anprobieren wie Kleider und Schuhe,
schauen, ob sie passen,
ob sich darin gehen,
ob sich mit ihnen leben lässt.
Keines wird für alle passen –
und manchmal gibt es
auch gar nichts Passendes.
Auch das ist möglich.

Votum
Wir sind zusammen
im Namen Gottes,
Ursprung und Ziel unseres Lebens,
im Namen Jesu,
Weg und Wahrheit in unserem Leben,
im Namen des Heiligen Geistes,
Quelle der Hoffnung für unser Leben.
Amen.

Lied
Ich steh vor dir mit leeren Händen (EG 382)

Wer sich mit Organtransplantation auseinandersetzt, wer sich auf Menschen einlässt, für die diese Frage akut ist, wird mit viel Leid konfrontiert. Wo Organe nur noch eingeschränkt arbeiten, wo sie versagen oder von Krankheiten zerstört werden, da wird das Leben schwer, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit greifen um sich.

Die Frage, wie das Leben weitergehen kann, stellt sich unweigerlich und findet oft keine Antwort. Wo ist Gott in alledem? Hat Gott noch etwas mit diesem Schicksal zu tun?

Ein „ordentliches Gebet" ist in solcher Situation oft nicht möglich, aber vielleicht Worte wie diese:

Gebet (A liest)
Gott,
mir hat es die Sprache verschlagen.
Mir fehlen die heiligen Worte.
Keine fromme Vokabel schicke ich gen Himmel.
Keine poetische Formulierung in deine Richtung.
Kein „Vaterunser",
kein „Komm, Heiliger Geist",
nicht einmal ein „Herr erbarme dich".
Du würdest mir sowieso nicht glauben.
Wo gestern noch sinnvolle Sätze waren,
ist heute nur eine pelzige Zunge.
Katergefühl in der Seele.
Rote Augen.
Machte ich jetzt den Mund auf,
ich könnte nur stottern
und husten.
Da ist keine Stimme,
kein Reim.
Kein Lied.
Schon gar kein andächtiges Schweigen.
Gedanken türmen sich auf
wie Laubhügel im Herbst.
Worte wirbeln durch die Luft
wie Blätter im Wind.
Meine Seele ist klamm.
Mein Herz liegt im Nebel.
Gott, ein Gebet fällt mir nicht ein.
Mir schwindelt.
Die Liebesschwüre von gestern
klingen wie eine Lüge.
Die Vertrauensbeweise sind gefälscht.
Meinen Glauben
glaub ich mir nicht mehr.
Nicht einmal mein Zweifel ist sicher.
Hinter den Grenzen der Sprache
habe ich nur dich.
Hab ich dich noch?
Ach, bitte versteh mich
auch ohne Worte
wie ein ferner Geliebter,
der die Pausen am Telefon deutet
aus 7000 Kilometer Entfernung
und der es fertig bringt,
mir mit seinem Atem
am anderen Ende der Welt
über den Kopf zu streicheln.
Ach, sei so einer.
Glaub du an uns.
Petra Bahr: Kein ordentliches Gebet, in: Margot Käßmann (Hg.), In Gottes Hand gehalten. Frauengebete, Freiburg 2011, S. 139; © Verlag Herder

Ganz unmittelbar und ungeschönt bricht es aus diesem Menschen heraus, bedrängend und ehrlich. Nichts ist zurechtgelegt. Gefühl, Gedanke und gesprochenes Wort sind eins.

Dagegen formuliert Carola Moosbach einen „Nachtruf" in schmerzlich schöner poetischer Sprache. Die Nächte sind in solcher Lage die schlimmsten Zeiten. Dunkelheit und Stille machen einsam, wecken das Gefühl der Verlassenheit.

Gebet (B liest)
Den Tag geweint
die Nacht geweint
und schwer im Mund
das Angstgewürg
den Tag allein
die Nacht allein
hab mich verirrt
im Schmerzenswald
und ruf dich Gott
komm berge mich
die tausend abertausend Scherben
Träne Flüche Sterben-Wollen
komm in den Tag
komm in die Nacht
komm tröste und bewahre mich

Carola Moosbach: Nachtruf, in: Lobet die Eine. Schweige- und Schreigebete, Mainz
(Matthias-Grünewald-Verlag) 2000
© Carola Mossbach, www.carola-moosbach.de

Die Betenden zerreißt es fast, ihr Schmerz wird für uns geradezu körperlich spürbar. Sie wollen am Glauben an Gottes Güte festhalten – und es ist doch unendlich schwer.

Nehmen wir uns einen Moment der Stille:
Können wir uns in solchen Worten wiederfinden?
Passen sie (zu) uns?
Könnten es auch meine Worte sein?

– Stille –

Ganz anders klingt das Gedicht von Eduard Mörike:

Herr, schicke, was du willst,
ein Liebes oder Leides,
ich bin vergnügt, dass beides
aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten.
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden.

Wie hören wir solche Worte?

A: Ist da eine ganz devot und Gott ergeben …
B: … oder ist sie voller Gottvertrauen?
A: Fügt sich da eine nur in das Unvermeidliche ...
B: … oder nimmt sie bewusst das eigene Schicksal an?
A: Wird hier eine klein und stumm gemacht …
B: … oder weiß sie um die eigene Begrenztheit?

Nehmen wir uns nochmals einen Moment Zeit, um unseren Empfindungen nachzuspüren.

 – Stille – evtl. Vertonung von Max Bruch einspielen

Unheilbare Krankheit, Unfall, Tod – Schicksalsschläge, die Menschen immer wieder treffen.

Manche nehmen ein solches Schicksal an – als gottgewollt.
Auch, wenn sie Gottes Wege nicht verstehen, sehen sie Gott am Werk, vertrauen
darauf, dass sich ihnen ein Sinn irgendwann erschließt.
Unvorstellbar, dass Gott ihnen böse will, auch wenn das, was ihnen widerfahren ist, eine so ganz andere Sprache spricht. Sie sagen: „Gott weiß, was er tut, auch wenn ich es nicht verstehe."

Andere lehnen sich gegen ihr Schicksal auf, verzweifeln an Gott und der Welt:
„Wenn Gott ein liebender Gott ist, kann er das doch nicht wollen." Sie hadern mit Gott, zerbrechen gar. „Nein, ich bin überhaupt nicht vergnügt, ich bin verzweifelt. Ich fühle mich von Leid überschüttet, geradezu überschwemmt, so dass ich fast darin ertrinke. Ich kann, ich will nicht glauben, dass das alles aus Gottes Händen kommt."

Die Bibel kennt beides –
das Annehmen und das Auflehnen,
gibt beidem Raum,
gibt beidem sein Recht.

Hiob ist sicherlich der bekannteste Name. Alles Schlimme ist ihm widerfahren: eigene Krankheit, der Tod seiner Kinder, der Verlust seiner wirtschaftlichen Existenz.

Hiob kann Gott nicht mehr verstehen, er klagt sein Leid, will lieber tot sein als so weiter zu leben.

„Es verschwinde der Tag, an dem ich geboren wurde
und die Nacht, die sprach: Ein Mann wurde empfangen!

...
Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg,
warum kam ich nicht aus dem Mutterleib und verschied?

...
Ja, vor meinem Brot kommt mein Stöhnen
und meine Schreie ergießen sich wie Wasser.
Ja, was mich schrecklich schreckte, das traf mich wirklich,
und wovor mir grauste, das kam über mich.
Ich finde keine Rast und keine Stille,
ich kann keine Ruhe finden – es kommt das Wüten." Hiob 3,3.11.24-26

Und doch kommen auch andere Worte über Hiobs Lippen, Worte, aus denen Annahme spricht, vielleicht auch Einverständnis. „Niemand als der Ewige ist's, der gegeben hat, niemand als der Ewige ist's, der genommen hat, gesegnet sei der Name: der Ewige!" (Hiob 1,21)

Ganz massiv bricht sich die Klage, die Verzweiflung auch in den Psalmen Bahn:

„Wie Wasser bin ich hingegossen,
alle meine Knochen fallen auseinander.
Mein Herz ist wie Wachs geworden,
geschmolzen in meinem Innern:
Ausgetrocknet wie eine Tonscherbe ist meine Kraft,
meine Zunge klebt an meinem Gaumen."

So in Psalm 22, der mit der verzweifelten Klage beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
In all ihrem Zorn, ihrer Wut und Verzweiflung – die Menschen in der Bibel reden mit Gott. Sie werfen ihm alles vor die Füße, sie weinen und schreien, aber sie lassen Gott nicht aus der Verantwortung. Sie halten fest an den gegebenen Verheißungen und gehen hart mit Gott ins Gericht. Sie muten sich Gott zu, mit all ihrem Schmerz, mit all ihren widersprüchlichen und dunklen Gefühlen. Und – sie geben die Hoffnung nicht auf, dass Gott ihnen nahe ist, sie aufrichtet und neu schafft.
Amen.

Lied
Ich gebe dir Gott meine dunklen Gefühle –
siehe Seite 45; Kopiervorlage für AbonnentInnen unter www.ahzw-online.de / Service zum Herunterladen

Gebet
Gott,
du legst uns nicht fest,
du verordnest uns nicht Glaubensgehorsam, Demut oder Bescheidenheit.
Du öffnest deine Ohren für unsere Klage,
so laut und verzweifelt sie auch ist.
Du neigst dein Ohr zu uns
und willst uns nahe sein.
Du gibst Raum,
du gibst uns die Freiheit, unsere ganz eigene Perspektive einzunehmen,
bejahend und annehmend,
leise und verhalten,
wortlos und demütig,
in Auflehnung und Protest,
weinend und klagend.
Und alles ist unser
und deiner würdig und recht.
Wir bitten dich,
verlass uns nicht.
Lass uns deine Nähe spüren.
Mit den Worten Jesu, der zu Gott schrie „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" und vertrauensvoll zu Gott sprach „In deine Hände befehle ich meinen Geist", beten wir gemeinsam weiter.

Vater Unser

Singen wir zum Abschluss noch einmal miteinander, so wie es uns jeweils entspricht – leise und tastend, mit kräftiger Stimme in ungebrochenem Vertrauen, unsicher oder auch verwirrt.

Lied
Dir Gott will ich vertrauen (V 1+4)
In: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder, München 2005, Nr. 22
oder: Herr, du hast mich angerührt  (EG 383) oder: Fürchte dich nicht
(EG 643 Anhang Pfalz)

Stehen wir auf, nehmen wir uns bei der Hand, spüren wir die Verbundenheit, die Nähe, die Wärme der Menschen neben uns und lassen wir uns segnen, indem wir gemeinsam singen:

Lied
Mutter Geist
u.a. in: Gottesklang. Das kleine Liederbuch, Stuttgart 1999, Nr. 111
oder: Komm Herr segne uns (EG 170)

So segne uns der liebende, stärkende, Leben bewahrende Gott. Amen.


Barbara Kohlstruck, geb. 1959, ist Theologin. Sie war theologische Referentin im Fachbereich Frauen der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft in der Evangelischen Kirche der Pfalz  – seit Mai 2012 ist sie Dekanin des Protestantischen Kirchenbezirks Ludwigshafen. Im Präsidium der EFiD ist sie zuständig für die Publikationen und Mitglied im Redaktionsbeirat ahzw.

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