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Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. (Gandhi)

Stromlinien des fließenden Wassers

von Alan Watts


Die Stromlinien des fließenden Wassers (treten) in den Muskeln, den Knochen, in Holz und Stein wieder auf (…) und haben seit sehr früher Zeit auch in die Kunst des Menschen Eingang gefunden (…). Wir selbst bestehen mindestens zu 80 Prozent aus Wasser, und deswegen meinten die Taoisten, sollte es uns Vorbild sein, wie die folgende bemerkenswerte Stelle aus Kuan-tzu (gegen Ende des 4. Jh. v. Chr.) bestätigt:

Wasser ist das Blut der Erde und fließt durch ihre Muskeln und Adern. Man sagt daher, dass Wasser alles vermag. Es sammelt sich in Himmel und Erde und lagert in den mannigfaltigen Dingen (der Welt). Es dringt in Metall und Gestein und konzentriert sich in den Lebewesen. Daher sagt man, dass Wasser etwas Geistiges ist. Es sammelt sich in Pflanzen und Bäumen, und so haben deren Stämme ihr ordnungsgemäßes Wachstum, ihre Blüten die rechte Zahl und ihre Früchte das rechte Maß. Die Leiber der Vögel und Tiere werden, da sie Wasser haben, feist und groß; ihr Gefieder und Haar wird üppig, und ihre Streifen und Merkmale treten hervor. Die Geschöpfe entfalten ihre Möglichkeiten und wachsen zu ihrer Norm heran, weil der innere Haushalt ihres Wassers dem entspricht …

Der Mensch ist Wasser, und wenn die Zeugungsorgane des Männlichen und Weiblichen sich vereinen, so wird aus Flüssigkeit die Gestalt … So sammelt sich das Wasser in der Jade, und die neun Tugenden erscheinen. Es verdichtet sich zur menschlichen Gestalt, und seine neun Öffnungen und fünf inneren Organe treten in Erscheinung. Das ist sein ureigenstes Wesen …

Was ist es also, das alles vermag? Es ist das Wasser. Nicht eines der mannigfaltigen Dinge gibt es, das nicht aus ihm hervorgeht. Nur wer mit seinen Prinzipien umzugehen weiß, kann in rechter Weise handeln … Für den Weisen ist daher das Wasser der Schlüssel zur Wandlung der Welt. Denn wenn das Wasser unvergiftet ist, ist das Herz der Menschen befriedet. Ist das Herz der Menschen lauter, so ist nichts Böses in ihrem Wandel. Wenn der Weise daher die Welt regiert, so lehrt er nicht jeden einzelnen Menschen oder jedes einzelne Haus, sondern nimmt sich das Wasser als Schlüssel.


aus:
Der Lauf des Wassers
© 2011 O.W. Barth Verlag. Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur & Co. KG, München

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