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Der Preis der Untätigkeit ist weitaus größer
als die Kosten einen Fehler zu machen.(Meister Eckhart 1260-1327)

Über kleine Kräfte und große Gaben

von Urte Bejick

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Wir kommen zusammen im Namen der Ewigen,
die uns beschenkt und reich macht,
im Namen Jesu Christi, unseres Bruders,
der uns das Teilen lehrt,
und der Heiligen Geistkraft,
die alles erfüllt.

Lied  Du hast uns, Herr, gerufen EG 168, 1-2

sprechen   Es gibt Dich von Hilde Domin,
wie ein Psalm im Wechsel gelesen

Auf einen Blick hin, auf ein Wort, auf ein Lächeln, auf eine Berührung, auf ein Schulterzucken hin kann sich ein Leben ändern. Wirklich? Eine Geschichte, wie eine kleine Gabe Großes bedeuten kann, ist im Lukasevangelium überliefert:

Lesung   1 Als Jesus aber aufblickte, sah er die reichen Leute, die ihre Gaben in den Opferkasten warfen. 2 Er sah aber eine mittellose Witwe, wie sie dort zwei Münzen einwarf, und er sprach: „Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingeworfen als alle. 3 Alle haben nämlich aus ihrem Überfluss zu den Gaben eingeworfen. 4 Sie aber hat aus ihrer Armut heraus alles eingeworfen, was sie zum Leben hat." Lk 21,1-4

Gedanken zum Text   Ändert solch eine kleine Spende etwas in der Welt? Ändert der wohlwollende Kommentar eines zufällig anwesenden jungen Mannes etwas? Was, wenn die „Witwe" eine alte, bereits gebrechliche Frau ist? Was, wenn Gewohnheiten, nachlassende Kräfte, Armut einschränken und Handlungsräume begrenzen? Wenn das Geld fehlt, die Kraft, die Beweglichkeit, die Wortgewandtheit?

Hören wir weiter, was danach geschah


„Der letzte Rest vom Schützenfest!"

Jetzt war auch der Schein weg, verschwunden im Bauch des alten Opferstocks am Kirchenportal. Kurz hatte sie gezögert, aber die jungen Männer, die auf den Kirchstufen saßen, hatten so freundlich geschaut, und einer hatte sogar gesagt: „Die Dame legt richtig viel ein." „Die Dame" hatte der gesagt, nicht „die alte Frau" oder gar „die Alte".

Natürlich hatte sie noch etwas Geld übrig. Für Obst und ein Rätselheft, dafür musste es reichen. Aber oft würde sie sich solche Großzügigkeit nicht leisten können. Außerdem hatte sie im Gemeindebrief gelesen, dass die Kirche eher an Großspenden interessiert sei, an den gut betuchten alten Menschen, die etwas stiften konnten, „etwas, das von mir bleibt". Was würde von ihr bleiben? Und was konnte sie noch geben – eine alte Frau mit kleiner Rente, die sich nur noch langsam und über kürzere Strecken bewegen konnte?

„Suchen Ehrenamtliche jeden Alters", die Seite im Gemeindebrief hatte sie gleich umgeschlagen. Musste sie denn bis ans Lebensende aktiv, nützlich, von sich absehend sein? Aber Worte, gute Worte, die konnte sie noch geben! Es hatte doch gut getan, was der junge Mann da über sie gesagt hatte. So konnte sie es auch halten: Komplimente spenden!

Frohgemut schlug sie den Weg zum Markt ein und ließ sich am Obststand zwei Birnen einpacken. „Schön sehen die aus, und gespritzt sind sie auch nicht. Das ist gut. Ich nehme dann noch zwei von den Sonnenblumen. Die trockne ich, dann haben die Vögel im Winter auch noch etwas davon. Da kommen nämlich Meisen und…" – „Ja geht es da vorne vielleicht mal weiter?" Erschrocken drehte sie sich um. Ein Mann mittleren Alters schaute sie unwirsch an. „Da hat man gerade mal kurz Mittagspause und muss schnell was erledigen, aber nein, genau zu der Zeit müssen die Alten einkaufen und ellenlang quatschen!" Hastig bezahlte sie und suchte den Blick des Verkäufers, doch der hatte sich bereits dem ungeduldigen Kunden zugewandt.

Denken wird man wohl noch können
Das war's mit der „Wortspende". Beschämt setzte sie ihren Weg fort. Aber sofort aufgeben mochte sie auch nicht. Denken, denken wird man wohl noch können. Vielleicht sollte sie solch unhöflichem Verhalten einfach etwas entgegensetzen – wohlwollende Gedanken für alles, was ihr begegnete. Zum Beispiel für diesen Kö…, dieses Hundchen. Sie schenkte dem Mops, der sich keifend in sein rotes Geschirr warf, ein Lächeln. „Gell, meine Susi ist süß", freute sich der Mann, der den Hund vergeblich zurückzuziehen versuchte. „Und so wachsam. Die verteidigt ihr Herrchen."

Nun, das war wohl etwas überzogen gewesen, wenn auch eine verzeihliche Heuchelei. Der nächste wohlwollende Gedanke musste aber ehrlich sein! Um die Ecke roch es verheißungsvoll nach Rosmarin und altem Fett. Hinter der Fensterfront des „Da Luigi" erhob sich gerade eine ältere Frau schwerfällig von ihrem Stuhl und griff nach ihrem Rollator. Sie strahlte. Vielleicht hatte jemand sie eingeladen, und sie freute sich über das Essen, die weißen Tischdecken und die Olivenbäumchen beim Italiener. „Da Luigi: Hier verkehren eher kleinbürgerliche Kreise. Solide, aber keine Sternenküche", hatte sie in einer Gastronomiekritik im Internet gelesen. Vermutlich hatte die ein Seelenverwandter des Mannes am Obststand verfasst. Im Stillen wünschte sie der Frau viel Freude und allen Kleinbürgerinnen und Kleinbürgern etwas Glanz an diesem Tag. Auch dem Kellner, der erschöpft bei den Mülltonnen eine Zigarette rauchte, wünschte sie baldigen Feierabend und reichlich Trinkgeld.

Fünf wohlwollende Gedanken wären gut
Das ging doch schon recht gut mit den wohlwollenden Gedanken! Aber hatte nicht in der Bibel, in der Geschichte von Jakob und Esau gestanden, dass es nur einen Segen gab? Das war sicher zu wenig – aber fünf, fünf wohlwollende, segnende Gedanken pro Tag, das wäre eine gute Zahl. Das ließe die Aufmerksamkeit nicht erschlaffen und die Gedanken nicht beliebig werden. Für heute hatte sie also noch zwei.

Sie bog in den Grünstreifen ein, der zur Bushaltestelle führte. „Hier Gemüseverkauf gegen rechts", verkündete ein handgeschriebenes Pappschild vor einem wild wuchernden Garten. Was es nicht alles gab. Sie pflückte zwei Tomaten und warf ihr restliches Geld in die „Kasse des Vertrauens". Den Paprikaschoten wünschte sie noch ein paar Tage Sonne und gemütliches Reifen. Auch über den Busfahrer, der müde über seinem Lenkrad saß, sprach sie einen gedanklichen Segen. Durch das Fenster sah sie ein kleines Weidenbäumchen, eine Kopfweide, wie auf einem niederländischen Gemälde. Aber die fünf Segen waren gedacht, da wollte sie sorgfältig sein.

Ein Tag mit Goldglanz
Abends gönnte sie den Birnen eine Krönung aus Camembert und etwas Kompott – auf dem guten Teller mit dem Goldrand. Was war das doch für ein reicher Tag gewesen, von der Beschämung am Obststand mal abgesehen. Aber im Ganzen: ein Tag mit Goldglanz. Morgen würde sie sich wieder auf den Weg machen und als erstes die kleine Weide segnen…

Aber am nächsten Tag machte sie sich nicht auf. Was war das für ein dummer Gedanke gewesen gestern: eine alte Frau, die Segenssprüche denkend durch die Gegend zog! Fehlte nur noch, dass sie anfing mit sich selbst zu reden. Auch am zweiten Tag verließ sie das Haus nicht, die Knie schmerzten zu stark.

Aber am Donnerstag kam immer das neue Rätselheft, da musste und wollte sie raus. Die kleine Weide erhielt einen Wunsch für Wachstum und hohes Alter. Die Krähe, die neben dem Bäumchen landete, bekam den Wunsch nach einem milden, futterreichen Winter mit auf den Flug. Und beim Kiosk wagte sie dann doch wieder eine Wortspende, als der Zeitschriftenhändler ihr von seinen Sorgen wegen der Konkurrenz durch den Media-Shop des gegenüber liegenden Einkaufszentrums erzählte. „Im Alter wird man immer langsamer, mit den Händen und auch zu Fuß", sagte sie präventiv, als sie im Portemonnaie kramte. „Wer langsam geht, nimmt mehr wahr", meinte der Verkäufer. Da hatte er recht. Bestärkt machte sie sich auf den Heimweg.

Vor der Kirche saßen schon wieder die jungen Männer. Hatten die denn nichts zu tun? Aber diesen Gedanken verbot sie sich sofort. Ja, das würde sie sich jetzt trauen und den ansprechen, der geredet hatte. „Ich habe mitbekommen, was Sie neulich über mich gesagt haben, als ich hier etwas in den Opferstock getan hab. Dass ich viel gebe, haben Sie gesagt. Das ist mir nachgegangen, und ich möchte Ihnen dafür danken dafür." „Aber ich hab doch nichts Besonderes getan", sagte der junge Mann. Und dann wurde er tatsächlich rot.

Lied   Gott liebt diese Welt EG 409, 1-2.4.7-8

Gebet
Du Ewige,
fülle mich mit Stille,
damit ich mit Müden und Lebensfrohen
zu schweigen wisse zur rechten Zeit.
Fülle meinen Mund mit Worten,
mit heilsamen, tröstenden, ermunternden Worten
und mit munterem Geschwätz,
das die Begegnung leicht und fröhlich macht.
Fülle meine Augen mit Licht,
das liebevoll ausstrahlt auf alles,
was mir begegnet.
Fülle meine Augen mit Schatten,
der Verständnis birgt für alle,
die mein Mitempfinden brauchen.
Erfülle meine Haut mit Lust an allem,
was zärtlich und grob berührt,
fülle mein Herz mit Wohlwollen für alle Geschöpfe,
die mir begegnen.
Vater unser im Himmel
gemeinsames Gebet

Lied   Du hast uns, Herr, gerufen EG 168, 4-6

Segen
Gott,
Vater, Mutter,
segne uns,
dein Angesicht strahle vor Freude über uns
und schenke uns Frieden.
Amen.

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