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Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. (Gandhi)

Aber da ist kein Friede

von Margarete Pauschert

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Wir kommen zusammen
im Namen der Ewigen, die Shalom, Gottes Frieden in Fülle auf Erden verheißt,
im Namen Jesu Christi, der die selig nennt, die für den Frieden arbeiten,
im Namen der Heiligen Geistkraft, die Frieden schafft.  Amen


Lesung  Jeremia 8,10-11

Es herrscht doch Frieden im Land, sagen alle. Aber Jeremia spricht vom Frieden, der keiner ist. Seine Rede handelt von der Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln: Die Eliten des Volkes lügen, wo sie gehen und stehen, wenn sie vom Frieden säuseln. Jeremia sieht: Vertreibung, Hungersnöte und Vergewaltigungen werden kommen – die Nachbarinnen und Nachbarn im Nordreich Israel haben das schon hinter sich, ihr Staat existiert nicht mehr. Aber Propheten und Priester machen sich und anderen vor, dass doch alles in Ordnung sei. Die heimliche Furcht, Juda könnte Israels Schicksal ereilen, wird unterdrückt und weggeredet.

Das nennt Jeremia einen faulen Frieden. Und – wir wissen – alle Grausamkeiten, von denen er spricht, sind Realität geworden, nur 30 Jahre später. Wegsehen, verdrängen, verleugnen, alles ist recht. Nur keine Unruhe ins Volk bringen, keinen Aufstand riskieren. Priester und Propheten, die doch gebunden sind an die Tora, lassen sich einspannen für diese Zwecke der Regierung, helfen Sand in die Augen zu streuen oder veranlassen vielleicht Brot und Spiele, falls die Stimmung im Volk doch kritischer wird.

Und was erschreckt uns bei diesen Worten des Propheten Jeremia? Jeden Tag sehen wir Bilder von Menschen, die vor Gewalt oder Hungersnöten flüchten – zusammengepfercht auf maroden Booten, liegen geblieben als Reste irgendwo auf dem Weg. Verzweifelt drängen sie in unser „Paradies". Sie wollen sauberes Wasser trinken, sie wollen arbeiten, sie wollen ihre Kinder zur Schule schicken. Das alles wollen sie. Jetzt! Sie wollen ihre Kinder nicht auf die Müllberge schicken. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder als Kindersoldaten ihre eigenen Familien oder Nachbarn umbringen. Das alles wollen sie nicht!

Vor diesen verzweifelten, oft nicht berechenbar handelnden Menschen lassen wir uns schützen. Hinter Mauern und Zäunen wohnen wir und hören unsere Politikerinnen und Politiker von den „Werten" sprechen, die wir in Europa verteidigen müssen. Unser sozialer Frieden muss erhalten bleiben, deshalb werden schon wieder Lager geplant, die heute „Ankerzentren" heißen und möglichst nicht auf deutschem Boden entstehen sollen.

vorbereiten    Auf sieben Stühlen liegen Blätter mit Aufschriften sauberes Wasser / Nahrung / keine Bombenangriffe / Wohnung / Schulbildung / Arbeit / medizinische Versorgung. Eventuell spielen acht Personen für einige Runden tatsächlich die „Reise nach Jerusalem".

Versetzen wir uns in die Lage von Geflüchteten und spielen die „Reise nach Jerusalem".
Sauberes Wasser, Nahrung, keine Bombenangriffe, eine Wohnung, Schulbildung, Arbeit, medizinische Versorgung: das, was jeder Person als ihr Menschenrecht zusteht. Immer ist einer „mehr" als die Anzahl der Stühle im Raum. So sind die Geflüchteten gezwungen, um ihre grundlegenden Menschenrechte zu kämpfen. Und während wir einen freien Stuhl ergattern wollen, fragen wir uns noch einmal: Was erschreckt uns bei den Worten von Jeremia?

Wir werden an den letzten Krieg in unserer Nachbarschaft erinnert: In Jugoslawien entschied von einem Augenblick auf den anderen die Zugehörigkeit zu einem „Volk" – Serben, Kroaten oder Bosnier – über Leben und Tod. Plötzlich gab es wieder „gemischte" Ehen, die bedroht waren, wurden freundliche Menschen zu unbarmherzigen Feinden, die ihren Nachbarinnen und Nachbarn nach dem Leben trachteten.

Betrifft mich etwa die Botschaft von Mann zu Mann: „Darum gebe ihre Weiber ich andern..."? Bin auch ich nur ein Fleischstück Frau? Würden meine Nachbarn mich auch angreifen, wenn jemand es ihnen befehlen würde? Und meine Kinder, würden sie sie verhungern lassen?

Das kann doch nicht sein! Wir waren doch Nachbarn all die Zeit, und jetzt tun diese Menschen mir, uns das an? Was haben wir übersehen?

So schlimm kann es nicht werden, sagten wir auch, wenn wir ausländerfeindliche Meinungen hörten. Und dann brannten Unterkünfte, und es gab Tote. Neid und Vorurteile – „Uns hat man auch nichts geschenkt nach '45" – vergifteten das Klima. Es war leichter, populäre Behauptungen nachzuplappern als unsere Argumente zu prüfen.

Lied  Schalom chaverim EG 434

Und wie begründet Jeremia, dass Gott „zu spät" sagt zu seinem Volk? Gott klagt und weint: Israel, seine geliebte Braut, ist ihm sogar durch die Wüste gefolgt, wo es eigentlich kein Leben gibt. Aber seit der Ankunft im gelobten Land betrügt sein Volk ihn mit anderen Gottheiten, immer wieder. Sie beten selbst gemachte Stein- und Holzbilder an, und das lebendige Leben, Gott, missachten und verleugnen sie. Schon ist Israel zerstört durch die Assyrer – von Juda sollte wenigstens ein Rest übrig bleiben, doch Jeremia verkündet: Alles, was Gott seinem Volk gegeben hat, soll ihm wieder abgenommen werden. „Darum gebe ihre Weiber ich andern, ihre Felder den Enterbern." Angst und Schrecken lösen diese harten Worte aus und verstärken den Wunsch zu verdrängen. „So schlimm wird es schon nicht kommen." Die Ängste werden zugedeckt, es herrscht doch noch Frieden – ein fauler Frieden.

1945 endete der deutsche Eroberungswahn, und es war die Rede vom Frieden, endlich Frieden. Und wir dachten, Krieg und Gewalt seien auch am Ende. Nach dem Morden in den Todesfabriken, dem Erschrecken über das Ausmaß der Verbrechen und der Verzweiflung durch Flucht und Vertreibung, die ausgehend von unserem eigenen Land nicht nur Europa überzogen hatte.

Viele sprachen vom Frieden, und siehe – es war, wie Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzen: nur das Sprüchlein Frieden, Frieden. Mit dem Ausfüllen des Fragebogens anlässlich der sogenannten „Entnazifizierung" wandelte sich die völkische Gesinnung eben nicht automatisch in eine demokratische Denk- und Handlungsweise, wie sie den Besatzungsmächten vorschwebte. Ein „fauler" Friede hatte begonnen. Es folgte der Kalte Krieg, und wieder haben wir auf Militär und „abschreckende" Gewalt gesetzt, die atomare Rüstung begann.

Auch Jeremia setzt die Sucht seines Volkes nach Anerkennung durch die großen Nachbarvölker in Beziehung zu militärischen Aktionen. „Für alle Fälle" ahmen sie die Götterverehrung der einheimischen Bevölkerung nach und vergessen darüber ihre Verbundenheit mit ihrem Gott, der sie durch die Wüste und aus der Knechtschaft geführt hat. Und mit den religiösen lösen sich auch die familiären Strukturen auf. Ihre Gottesvergessenheit bringt beiden Staaten, Israel und Juda, statt Erfolg die völlige Vernichtung. Und doch spricht Jeremia von einem Rest, der bleiben soll. Gott wird nicht ewig zürnen (Jer 3,12). Ja, Gott wird einen neuen, ewigen Bund mit Israel und Juda schließen (Jer 31,31).

Lied  Unfriede herrscht auf der Erde EG 671/GL 831

Auch wir setzen auf nachgemachte Götter und legen uns Identitäten zu mit Hilfe von Statussymbolen wie Marken-Autos, Marken-Schmuck, Marken-Kleidung. Wir reisen zu Menschen, deren außergewöhnliche Lebensumstände – ein „vergessener Indianerstamm im Urwald" – exotisch genug sind, um damit unsere eigene Existenz zu schmücken. Längst hat unser Tourismus Züge einer Besatzung angenommen. Im Vereinnahmen vorgefundener „fremder", für uns frischer Kulturen haben wir uns neue Identitäten angeeignet. Dabei sind einheimische Cliquen reich und korrupt geworden, während die Armen leer ausgehen. Sie sind und bleiben besitz-los, land-los und ohne Möglichkeiten, ihr Los zu ändern, da wo sie wohnen.

Es kann keinen Frieden geben, wenn wir nicht anerkennen, dass wir alle Kinder eines Gottes sind. Daher darf es keine Ausbeutung geben, nicht einer Person und auch nicht einer Gruppe oder eines Volkes. Ausbeutung kann nicht schön geredet werden. Wundern wir uns also nicht, dass Menschen zu uns nach Hause kommen, sie brauchen uns, und sie sind unsere Geschwister.

Und wir brauchen sie. Durch sie lernen wir aufs Neue, was wirklich im Leben zählt. Wir erleben die Freude, wenn wir einander wirklich begegnen. Und wir sind nicht allein auf diesem Weg. Wir haben Gott an unserer Seite, der uns verspricht: „Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung." (Jer 29,11)

Lied Verleih uns Frieden gnädiglich, EG 421

„Friede ist nicht Abwesenheit von Kampf, aber Anwesenheit von Gott." 
So geben wir einander den Friedensgruß und gehen im Segen unseres Gottes


Darum gebe ihre Weiber ich andern, · ihre Felder den Enterbern. · Von Klein bis Groß · will alles Ausbeutung beuten, · von Künder bis Priester · tut alles Lüge. · Den Niederbruch der Tochter meines Volkes · meinen sie leichthin zu heilen · mit dem Sprüchlein: Frieden, Frieden! · ABER DA IST KEIN FRIEDE.

Jeremia 8,10f übersetzt von Martin Buber und Franz Rosenzweig


Margarete Pauschert war Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz (EKBO). Als Gemeindepfarrerin in Kreuzberg und Moabit war sie für die Ausbildung von Vikarinnen sowie für Rundfunk- und Fernsehgottesdienste zuständig. Seit 2000 leitet sie gemeinsam mit Pfarrerin Leony Renk das Tagungshaus Laase. Sie ist aktiv im antiatomaren Widerstand und arbeitet mit im Gorlebener Gebet. – www.tagungshaus-laase.de; www.bi-lüchow-dannenberg.de; www.gorlebener-gebet.de

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