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Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg. (Gandhi)

Erinnern. Verstehen. Versöhnen

Evangelische Frauen-Versöhnungsarbeit in Polen

von Margot Papenheim

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1.377.560 Mark in nur einem Jahr! sind das beeindruckende Ergebnis des Spendenaufrufs im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR 1976. Gesammelt, um den Aufbau eines Kinderkrankenhauses in Warschau zu unterstützen – ein lebendes Denkmal für zwei Millionen polnische Kinder, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden.

Von Anfang an geht es um mehr als Geld. Von Anfang an geht es um Versöhnung zwischen Deutschen und Pol*innen nach den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands in Polen. 1977 schicken der Ökumenische Jugenddienst und Aktion Sühnezeichen die erste Jugendgruppe zum Anpacken auf die Warschauer Baustelle. Und sie kommen wieder. Jahr um Jahr. Arbeiten jetzt mit auf den Stationen, im Garten, in der Küche des „KinderGedächtnis-GesundheitsZentrums", kurz KGGZ. Lernen Warschau kennen. Treffen Menschen, fangen an sie zu verstehen, freunden sich nach und nach sogar mit ihnen an.
„Wie kann man Zorn, Scham, alten Hader und Hass besser verarbeiten, als dass man sie in Hoffnung und Taten der Hoffnung umsetzt?", fragt Bischof Albrecht Schönherr sich und seine Mitchrist*innen in der DDR. Die Geschichte eines 40jährigen Versöhnungsprojekts hat begonnen.

Mitte der 1980er Jahre: Die Evangelische Frauenhilfe in der DDR steigt in das Projekt ein. Führt es, als EKD und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste sich zurückziehen, über die Wende hinaus fort. Bringt es mit in die wieder vereinigten Frauenhilfen Ost und West. Die Evangelische Frauenhilfe in Deutschland nimmt es mit in den neuen Dachverband Evangelische Frauen in Deutschland. Allein zwischen 2001 und 2015 sind 120 Frauen aus Deutschland beteiligt – ab 2012 wieder in Kooperation mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.
Trotz großem Bedauern und ja, auch Tränen auf beiden Seiten: 2015 fährt zum letzten Mal ein Frauengruppe nach Warschau. In einer bewegenden Feier, ausgerichtet von den Partner*innen im KGGZ, nehmen die Evangelischen Frauen und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Abschied – gemeinsam mit Vertreter*innen der polnischen evangelischen Kirchen. Abschied von dieser Form des Projekts, nicht von der Versöhnungsarbeit mit den polnischen Nachbar*innen. Denn:

Mit Versöhnung ist es nicht „irgendwann auch mal gut". Versöhnung ist ein fortdauernder, offener Prozess. Und bleibt, weil Menschen am Werk sind, immer gefährdet: durch neue Verletzungen, alte Missverständnisse, leichte Reizbarkeit, hartnäckige Vorurteile. Das ist so – in persönlichen Beziehungen, im gesellschaftlichen Miteinander, zwischen Nationen. Aktuell auch in Polen und in Deutschland wieder aufstehende rechtspopulistische, nationalistische, vor völkischem Gedankengut triefende Bewegungen und Parteien grölen ein schauriges Lied davon.

Versöhner*innen halten dagegen. Mit der Erfahrung, dass Versöhnung harte Arbeit ist, an der kein leichter Weg vorbei führt. Dass „Schuldkult"-Geschwätz meilenweit entfernt ist von gelebter Verantwortung aus der eigenen Geschichte. Mit der tragenden und treibenden Vision eines versöhnten, geeinten Europas in Freiheit und Frieden im Gepäck.

Die Versöhnungsarbeit im Kinderkrankenhaus Warschau ist auch ein starkes Stück evangelischer Frauenarbeit. Das Engagement der beteiligten Frauen und Männer in Deutschland und Polen soll gewürdigt werden. Und weiter Früchte tragen. Darum wurde es dokumentiert: 24 Interviewpartner*innen – je zwölf aus Polen und aus Deutschland – haben lebendige Erinnerungen und wertvolle Erfahrungen geteilt. Sie sind zugänglich auf der Internetseite erinnern-verstehen-versöhnen.de

Um diesen Kern erzählter Geschichte herum verlocken historische Fotos, Zeitschriftenartikel, ein Youtube-Film des polnischen Filmemachers Bogdan Lcznar, die beeindruckende Videobotschaft von Prof. Maria Goncarzewicz, der ersten Direktorin des Kinderkrankenhauses, und vieles mehr: zum Stöbern hier, zum intensiven Nachlesen da. Zum Nachdenken über eigene Erfahrungen. Und vielleicht auch über eigene Möglichkeiten, sich für Versöhnung zu engagieren? Ein Urlaub in Polen – statt wie sonst in Frankreich oder Italien – wäre beispielsweise ein Anfang. Es gibt viel zu entdecken bei unseren Nachbar*innen jenseits von Oder und Neiße.


erinnern-verstehen-versöhnen.de dokumentiert deutsch-polnische Versöhnungsgeschichte. Die polnischen Partner*innen der Evangelischen Frauen in Deutschland wollen unbedingt, dass die Internetseite bald auch in polnischer Sprache zugänglich ist.


Wer das Projekt mit einer Spende unterstützen möchte, kann dies online auf der Internetseite erinnern-verstehen-versöhnen.de unter dem Menüpunkt DAS PROJEKT tun oder mit einer Überweisung auf das „Versöhnungskonto" der EFiD:
Evangelische Frauen in Deutschland e.V. IBAN DE61 3506 0190 1011 8630 40 Stichwort „Versöhnung"


Margot Papenheim hat kath. Theologie studiert. Sie arbeitet als Referentin im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer und ist Redakteurin der leicht&SINN.

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