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Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist. (Tagore)

#unglaublich

von Margot Papenheim

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Liebe Leser*innen,
heute Morgen lag er da, am Aufgang der Unterführung: ein flacher Kiesel, nicht größer als mein Handteller. Darauf Sonne, Mond und Sterne, weiß auf himmelblau, eben noch zu erkennen. Ich hab ihn wohl nur wahrgenommen, weil ich schon von der Aktion gehört hatte: Frauen finden sich zu Facebook-Gruppen zusammen, bemalen Steine, manchmal schreiben sie etwas drauf. „Glücklich steht dir gut!" zum Beispiel. Legen den Stein irgendwo aus, wer ihn findet, darf ihn behalten. Oder wo anders wieder hinlegen.

Ich bin etwas überrascht, wie warm ums Herz mir wird. Aber warum kommt mir da diese biblische Geschichte in den Sinn, die davon erzählt, wie Jesus einen Jungen von einem Dämon befreit, der sprachlos und taub macht? Das, geht mir durch den Kopf, kennen wir doch auch, mitten in unserer Kommunikationsgesellschaft: den Geist, der „sprachlos und taub" macht. Durch Sätze, so giftsprühend, dass es uns die Sprache verschlägt. Durch persönliche Angriffe und Beleidigungen, die andere zum Schweigen bringen. Das kennen wir doch auch: den Dämon, der unsere Ohren verschließt vor der himmelschreienden Not der Obdachlosen am Bahnhof, vor den Todesschreien der Ertrinkenden im Mittelmeer, vor dem Stöhnen der gequälten Natur – nicht nur am Amazonas.

Von dieser Art Dämonen können wir nur durch das Gebet befreit werden, sagt Jesus. Ja, wir können von diesem Geist, der uns taub und sprachlos macht, befreit werden, höre ich. Darauf vertraue ich; hilf meinem Mangel an Vertrauen, bete ich. Und lege den kleinen Stein vertrauensvoll wieder ab.

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