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Das Leben wird nicht gemessen an der Zahl unserer Atemzüge,
sondern an den Momenten und Plätzen, die uns unseres Atems beraubten. (Patricia Schultz)

Narren und Affen alles begaffen

Durchleuchtung eines menschlichen Phänomens

von Simone Kluge

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Die Klage ist allgegenwärtig: Die Behinderung von Rettungskräften bei Verkehrsunfällen und anderen Katastrophen durch gaffende – und filmende - Unbeteiligte hat dramatisch zugenommen. Erst kürzlich, im November 2019, hat das Regierungskabinett einen Gesetzentwurf der Justizministerin angenommen, nach dem das Fotografieren oder Filmen von Unfällen und das Verbreiten der Bilder im Netz künftig bestraft werden soll. Im Interview sagt die Ministerin, sie könne nicht verstehen, dass Menschen sich an solchen Bildern „ergötzen", und fände es „einfach nur gruselig", dass sie dafür auch noch Likes auf den Plattformen der Sozialen Medien bekommen.

Was sind das für Menschen, die so etwas tun?
Fehlt es ihnen an Empathie? Ergötzen sie sich tatsächlich am Leiden anderer? Oder holen sie sich damit das beruhigende Gefühl, dass es, dem Himmel sei Dank, nicht sie selbst getroffen hat? Meine Recherchen im Internet ergeben schnell, dass es zahlreiche Artikel gibt, die die Schaulust bei Unfällen beschreiben, psychologisch durchleuchten und problematisieren. Wobei der Begriff des „Gaffens" durchweg abwertend verwendet wird. Aber was ist eigentlich Gaffen? Und was hat das Thema mit mir zu tun, die ich mich eigentlich nicht zu den Unfall-Gaffern auf der Straße zähle?

Wenn ich mich selber kritisch befrage, fällt mir eine Szene vom 11. September 2001 ein. Ich weiß es noch genau – ich hatte mich mit einer Freundin zum Essen nach der Arbeit verabredet. Sie öffnete mir die Tür und sagte: „Da sind Flugzeuge ins World Trade Center geflogen." Ich folgte ihr wortlos zum Fernseher, wo immer und immer wieder die gleichen Bilder liefen. Fassungslos starrte ich auf den Bildschirm und konnte mich weder losreißen noch begreifen, was ich da sah. Meine Freundin stand irgendwann auf, machte Abendbrot. Ich blieb sprachlos und wie gebannt vor dem Fernseher sitzen.

Für die Arbeit in der Gruppe
Ist es Ihnen auch schon einmal so ergangen? Wann war das? Wie haben Sie die Situation erlebt?

Es gibt Ereignisse im Leben, die überwältigend sind. Ich hatte damals das Gefühl, alles wie durch einen Filter oder eine Kamera zu erleben, was ja in gewisser Weise auch so war. Die Psychologie spricht dabei von einer Depersonalisation oder auch Derealisation. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Körper irgendwelche Stressreaktionen wie Schwitzen, Herzrasen, Zittern oder Übelkeit gezeigt hätte. Nach außen habe ich wahrscheinlich teilnahmslos gewirkt. Aber ich war von den Ereignissen so mitgenommen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich überhaupt bemerkt hätte, wenn neben mir im Raum etwas vor sich gegangen wäre. Eine solche Einengung des Bewusstseins ist eine typische Reaktion in akuten Belastungssituationen.

Ja, das Ereignis hat mich zutiefst erschüttert und mein Weltbild ins Wanken gebracht. Und irgendetwas hat mich dazu getrieben, das Ereignis mit den Augen zu fixieren, nicht aus dem Blick zu lassen. So, wie ein Tiger seinen Angreifer im Blick behält. Der Psychologe und Krisenberater Michael Thiel erklärt das so: Wenn etwas Außergewöhnliches geschieht, wollen wir instinktiv die Situation verstehen und herausfinden, ob uns Gefahr droht. Hinwenden in solchen Fällen ist etwas, das wir kaum kontrollieren können.1

Ich lese diese psychologische Einschätzung und fühle mich entlastet.
Doch mir fällt noch etwas anderes aus der Zeit meiner Pubertät ein. Ich hatte schon als Kind sehr, sehr viel gelesen und Bücher regelrecht verschlungen. Nun, als Jugendliche, griff ich zu Problemliteratur. Es klingt schrecklich, aber es war so: Besonders hingezogen fühlte ich mich zu Berichten von Holocaust-Überlebenden. Warum? Ich hätte ja auch leichtere Literatur wählen können.

Für die Arbeit in der Gruppe


Kennen Sie das auch, dass Sie immer wieder zu Literatur oder Filmen greifen, in denen schicksalshafte Biographien beschrieben werden? Erzählen Sie einander davon.


Um welches Themenfeld ranken sich die Lebensbiographien, mit denen Sie sich beschäftigt haben – Krankheit, Heilung, Enge, Tod, Freiheit, Liebe, Verlust, Aggression? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie für sich selbst: Könnte es sein, dass Sie mit der Wahl von Literatur, Fernsehsendungen oder Filmen etwas bearbeitet haben, was auch in Ihrem Leben Thema war?

Ich habe mich damals den Opfern des Holocausts verbunden gefühlt und diese Ohnmacht, diese Schutzlosigkeit und das Ausgeliefertsein angesichts einer unvergleichlichen und grenzenlos vernichtenden Unmenschlichkeit mitgefühlt. Wobei – ist „Mitfühlen" eigentlich das richtige Wort? Habe ich mehr gefühlt als tiefste Erschütterung? Ich weiß es nicht. Aber die Schicksale der Opfer haben mich wie magisch angezogen, und ich habe mich immer wieder gefragt: Wie kann ein Mensch das überhaupt überleben?

Vielleicht liegt darin schon die Antwort auf meine Frage, warum ich gerade diese Literatur verschlungen habe?
Ich fühlte dort eine innere Verbundenheit, die ich – so unwahrscheinlich das klingen mag – als eine stärkende Solidargemeinschaft erlebt habe. Und es gab dieses unbändige Staunen in mir, dass ein Überleben und Überwinden all dieses Schrecklichen möglich ist. Das hat meine Hoffnung gestärkt und meinen Glauben genährt und mich suchen und fragen lassen nach dieser inneren Kraft, diesem unbändigen Überlebenswillen.

Im Gegensatz zu Schaulustigen, die ihr Handeln vornehmlich rational steuern und das Zepter des Handelns in der Hand behalten, sind „Gaffende" wie paralysiert.
Die gaffende Person hat Teile ihrer Handlungsfähigkeit eingebüßt und befindet sich in einem Zustand von Schockstarre, Empathie oder tiefer Betroffenheit. Darauf verweisen jedenfalls die etymologischen Wurzeln des Wortes und das verwandtschaftliche Verhältnis zwischen den Worten gaffen, klaffen, japsen, gähnen und schreien. Bleibt jemandem „der Mund offen stehen", zeugt das von intensiver emotionaler Betroffenheit, von Staunen, Überraschung oder auch Überforderung.2 Obwohl es sich also beim Phänomen des „Gaffens" um eine akute Reaktion der menschlichen Psyche auf ein außergewöhnliches Belastungserlebnis – oder eine als dauerhaft empfundene Gefährdung menschlichen Lebens – handelt, wird das Wort „gaffen" im alltäglichen Sprachgebrauch oft abwertend verwendet.

Woran liegt das? Was vermuten Sie?


Vielleicht kommt die Negativbewertung des „Gaffens" daher, dass aus der guten und schützenden Reaktion der Psyche ein dauerhaftes Phänomen der Abspaltung werden kann, das uns zu teilnahmslosen Menschen oder zu sensationssüchtigen und um Aufmerksamkeit heischende Betrachter*innen werden lässt? Ich denke, die Abwertung liegt vor allem darin begründet, dass wir ungern die Kontrolle verlieren und es uns auch unangenehm ist, den Kontrollverlust anderer mitzuerleben. Es ist schon erstaunlich, dass die Schaulust so viel positiver gesehen wird. Offensichtlich ist uns die Neugier und Wissbegier von Menschen und deren Sensationssucht bis zu einem gewissen Grad sympathisch, trägt doch auch jeder und jede von uns etwas davon in sich.

In den Texten der Bibel finden sich diese Abwertungen nicht. Dort wird den Erfahrungen von Überwältigung und Erstarrung Raum gegeben.
Insbesondere die Psalmen legen reiches Zeugnis von vielen Facetten dieses Phänomens ab: „Ich bin wie taub, höre nicht, bin wie stumm, mache den Mund nicht auf" (Ps 38,14); „Ich verstummte in Schweigen" (39,3); „Mein Herz ist erstarrt in meinem Leibe" (143,4); „Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras" (102,5), „meine Knochen glühen wie in Flammen" (102,4b); „die Fluten des Verderbens erschreckten mich" (18,5); „Stricke des Todes hatten mich umfangen" (116,3); „Todesschrecken sind auf mich gefallen" (55,5); „Der Gottlosen Stricke umschlingen mich" (119,61); „Ich versinke in tiefem Schlamm" (69,3.15); „Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe (22,16); „meine Kraft hat mich verlassen" (38,11.22); „meine Gebeine sind verschmachtet" (31,11 + 32,3).

Und auch in anderen biblischen Büchern finden sich solche Sätze – zum Beispiel: „Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben" (Klgl 3,17); „brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen" (Jer 20,9); „Weh mir, ich vergehe"(Jes 6,5); „Ach dass meine Augen Tränenquellen wären" (Jer 8,23); „Menschen werden verschmachten vor Furcht" (Lk 21,26); „so dass wir auch am Leben verzagten" (2 Kor 1,8). Manche Texte gehen sogar noch einen Schritt weiter und halten es für möglich, dass Gott uns verhärten lässt: „Warum lässt du unser Herz verstocken?" (Jes 63,17).

Verletzlich zu sein, in jedem Augenblick unseres Lebens, ist in Grundzug menschlicher Lebenserfahrung.
Dieser fundamentale Aspekt der Conditio humana wird Vulnerabilität genannt, von lateinisch „vulnus" (Wunde) beziehungsweise vulnerare" (verwunden). Die Erfahrung verletzlich zu sein, die von allen Menschen geteilt wird, bringt Hilde Domin in ihrem Gedicht „Bitte" überaus treffend zum Ausdruck.

Es ist eine der größten Aufgaben unseres Menschseins, mit dieser Verwundbarkeit des Lebens klar zu kommen,
uns mit ihr auszusöhnen und Wege der Bewältigung, der Überwindung, der Versöhnung zu finden. Dabei kann es durchaus unterschiedlich sein, was Menschen als ernsthafte Bedrohung ihrer Sicherheit und körperlichen Unversehrtheit empfinden. Das können große Ereignisse wie Naturkatastrophen, Terroranschläge oder Gewaltherrschaft ebenso sein wie ganz individuelle Gefährdungen der körperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit. Die Bedrohung kann von akuten Ereignissen ausgehen, aber auch von dauerhaften Gefährdungen, etwa der Bedrohung unseres Planeten durch den Klimawandel. Wir alle sind der Unverfügbarkeit des Lebens ausgesetzt. Der Wunsch verschont zu bleiben „taugt nicht", sagt Hilde Domin. Was hilft angesichts dieser menschlichen Realität, ist die Bitte, „dass bei Sonnenaufgang die Taube den Zweig vom Ölbaum bringe". Und „dass wir aus der Flut, dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen immer versehrter und immer heiler … zu uns selbst entlassen werden".

So wie in dem Gedicht von Hilde Domin verschweigen und verschleiern die biblischen Texte die Erfahrung fundamentalen Ausgeliefertseins nicht. Und eben dadurch helfen sie, die Erfahrung ins Wort zu bringen. Dies kann schon ein erster Schritt sein, um aus der Erstarrung heraus zu kommen und wieder handlungsfähig zu werden. Indem ich die Erfahrung benenne, bin ich nicht mehr ganz und gar mit ihr identifiziert. Ich werde wieder zum Subjekt des Handelns und bekomme die Chance, zur eigenen Wahrnehmung und dem Erleben in Beziehung zu treten, mich zu ihr zu verhalten.3 Dabei kommt dem leibeigenen Spüren eine zentrale Rolle zu.4

Gleichzeitig rücken die Texte der Bibel diese menschliche Erfahrung in einen Coram-Deo-Horizont, in den Horizont „vor Gottes Angesicht". Allein durch die Vorstellung, dass es ein Gegenüber gibt, das das Erlebte begrenzen und eindämmen kann, können neue Kräfte wachsen und neue Perspektiven aufscheinen. Viele der biblischen Texte zeugen von dieser Erfahrung von Überwindung und Erneuerung. Andere verheißen Verwandlung und Veränderung: „Die Tauben macht er hörend und Sprachlose redend" (Mk 7,37); „Die Flamme soll dich nicht versengen" (Jes 43,2); „Gott ist mächtig und verwirft niemand" (Ijob 36,5); „Ich will das Verwundete verbinden" (Ez 34,16).

Gebet und Segen:

Gott, /  wir erfahren in unserem Leben existentielle Bedrohungen,  /  die uns manchmal das Wasser bis zum Halse stehen lassen. /  Wir erschrecken vor den Abgründen dieser Welt /  und erstarren vor Furcht. //  Hilf du uns heraus. /  Gib uns Worte und Töne,  /  die uns inmitten der Verletzlichkeit Zuflucht bieten. /  Gib uns Menschen, die unser Vertrauen und unsere Hoffnung stärken. //  Und schenke uns, /  dass wir aus all unseren Erfahrungen /  immer versehrter und immer heiler /  stets von neuem /  zu uns selbst /  entlassen werden. Amen

Anmerkungen

1) https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/hinsehen-bei-unfaellen-ab-wann-ist-es-gaffen-und-wieso-tun-wir-es/
2) Zum Unterschied zwischen Gaffern und Schaulustigen siehe Martin Richter, www.brainbase.net/?p=252
3) Nach Andrea Bieler geht es in der Seelsorgepraxis darum, den Möglichkeitssinn, der einer Situation inhärent ist, aufzuspüren und so die Immanenz der Realitätstüchtigkeit im Hinblick auf transzendierende Perspektiven zu eröffnen. Vgl. Dies., Verletzliches Leben. Horizonte einer Theologie der Seelsorge, Göttingen 2017, S.14.
4) Vgl. ebd., S. 27ff.

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