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Nachts einfach den Schlüssel umdrehen.

Das Housing-First-Projekt für Frauen in Berlin

von Bettina Röder

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Wenn Stefanie Albig am Freitagnachmittag mit ihrer vierjährigen Tochter und ihrem Mann von Berlin ins Wochenenddomizil bei Müncheberg fährt, ist es ihr ganz recht, dass da ein Funkloch ist. Denn für private Kommunikation am Handy reicht oft die Kraft nicht mehr. Die 39-jährige Sozialarbeiterin ist bei einem deutschlandweit einmaligen Projekt für wohnungslose Frauen tätig. Unter dem Namen „Housing-First für Frauen" bietet das Projekt in Berlin ausschließlich weiblichen Personen die Chance für einen Neuanfang in einer eigenen Wohnung.

Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen sitzt Stefanie Albig in der Berliner Müllerstraße. Dort steht sie als Ansprechpartnerin für Nöte und Fragen der Frauen sowie für die Vermittlung von eigenen Wohnungen zur Verfügung.

Das Projekt in der Trägerschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen e.V. (SkF) besteht seit zwei Jahren. Seither haben 31 Frauen eine eigene Wohnung bezogen. Dabei handelt es sich nicht um betreutes Wohnen, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe: Der Bezug der eigenen vier Wände mit eigenem Mietvertrag ist an keine Bedingungen geknüpft. In ihrer neuen Wohnung, die vom Berliner Senat bezuschusst wird, organisieren die Frauen ihren Alltag weithin selbstständig.

Dass sie trotzdem Ansprechpartnerinnen wie Stefanie Albig brauchen, das weiß die engagierte Sozialarbeiterin nur zu gut. Sie begleitet die Frauen auf dem Weg zu einem Neuanfang. Ihr Herz schlägt für sie – und so ist es kein Wunder, dass ihr die 60jährige Renate R. nicht aus dem Kopf geht. Die kam aus dem Osten und hatte sich nach 1990 als Geschäftsfrau selbstständig gemacht. Doch als sie immer mehr Kraft für diesen Job brauchte, ihn kaum noch bewältigen konnte, bis tief in die Nacht schuftete, griff sie zur Flasche. Sie verlor schließlich ihre Arbeit und ihre Wohnung und landete auf der Straße.

Wie bei allen obdachlosen Frauen war die Scham groß. Sie wollte nicht erkannt werden. Tagsüber hielt sie sich in Supermärkten und Bibliotheken auf, nachts kam sie bei Freund*innen unter. Das ging eine Weile gut, dann schlief auch sie auf der Straße, unter Brücken. Bis sie durch einen Hinweis einer Bekannten auf das „Housing First für Frauen" aufmerksam wurde. Renate R. bewarb sich und bekam in den eigenen vier Wänden eine neue Chance. Niemand hatte ihr eine Bedingung gestellt, auch nicht dem Alkohol zu entsagen. Doch im Unterschied zu den allermeisten Frauen schaffte sie das alles nicht.

Stefanie Albig erinnert sich, dass die Weihnachtszeit nahte und ihre Sorgen um Renate R. immer größer wurden. Schon seit Wochen hatte sie von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Da fasste sich Stefanie Albig ein Herz, fuhr an Heiligabend vormittags zu ihr. Das Bild, das sich ihr bot, geht ihr bis heute nach. Renate R. war rückfällig geworden, wieder dem Alkohol verfallen. Ihre Angst war groß, ihr fehlte die Kraft, die Wohnung in Ordnung zu halten, geschweige denn sich selbst anzukleiden. „Sie war in einem erbarmungswürdigen Zustand, als sie mir öffnete", sagt Stefanie Albig.

Also begann die Arbeit von neuem: Gespräche, Arztbesuche, eine weitere Chance – ohne Bedingung. Ohne ständig Kontakt zur Sozialarbeiterin zu haben, fand Renate R. zu sich. Dass Frauen wie Stefanie Albig an sie glaubten, sich mit ihr verbunden fühlten, ohne sie zu bevormunden, hatte ihr Kraft zum Neuanfang gegeben. Vor allem aber die Gewissheit, in der Wohnung bleiben zu dürfen. Trotz alledem!

Heute, sagt Stefanie Albig erleichtert, geht sie sogar schon allein am Rollator einkaufen, besucht ihre betagte Mutter in Wismar. Renate R. hat auch die beim SkF angestellte Psychologin aufgesucht. Sie ist stolz auf die eigene Wohnung, die sie inzwischen in Ordnung hält – ohne Kontrolle, geschweige denn Bevormundung. „Dem anderen auf Augenhöhe begegnen, ihn wertschätzen und vertrauen." Diese Grundpfeiler ihrer Arbeit sind für die Sozialarbeiterinnen des Projektes Kompass.

Elke Ihrlich sitzt an diesem heißen Sommertag in der Beratungsstelle für Schwangere in Berlin-Neukölln. Sie ist Bereichsleiterin des SkF und dort für mehr als 30 Projekte mit 40 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuständig.

Es ist nicht zu übersehen: Das Housing-First-Projekt ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Die blonde Frau mit den dunklen Augen strahlt Ruhe aus. Und darum geht es ja auch bei diesem Projekt: die Frauen können Ruhe finden, um ihr Leben neu zu ordnen, sagt sie. „Hier in Berlin habe ich den richtigen Ort für eine erfüllende Tätigkeit gefunden", lacht die Katholikin aus dem Rheinland, die 1985 ins damalige West-Berlin kam.

Warmherzig spricht die Erziehungswissenschaftlerin von den Frauen, die auf der Straße leben. Sie berichtet von deren besonderer Kraft und der Improvisationsgabe, die sie entwickeln müssen, um zu überleben. Selten, sagt sie, suchen die Frauen Notunterkünfte auf. Weil sie Angst vor der Belästigung durch Männer haben, wohnen sie stattdessen, bis es nicht mehr geht, bei anderen Frauen oder fahren nachts ununterbrochen U-Bahn, um nicht erkannt zu werden.

Über die Zahl obdachloser Frauen gibt es nur vage Schätzungen, keine offizielle Statistik, auch das Statistische Bundesamt erfasst sie nicht. Bei einer jüngsten Zählung anlässlich einer „Nacht der Solidarität" wurden in Berlin 1700 obdachlose Frauen ermittelt, andere sprechen von 3000, die Dunkelziffer liegt weit höher. Wie groß ihre Not ist, zeigt das Housing-First-Projekt: Neben den 31 Frauen, die mittlerweile in eigenen Wohnungen untergekommen sind, stehen aktuell 290 auf der Warteliste. Das Projekt hat sich herumgesprochen.

„Es ist so furchtbar nah", sagt Elke Ihrlich mit dem Verweis darauf, dass die Wohnungslosigkeit jeden und jede schon morgen treffen kann. Ihre Augen werden dunkel. „Es trifft alle Schichten – von der Geschäftsfrau über die Pflegerin bis hin zur Journalistin und Architektin." Im Housing-First-Projekt können sie in der eigenen Wohnung neues Selbstbewusstsein entwickeln. „Die Frauen können nachts einfach den Schlüssel umdrehen", betont sie in Anspielung auf den Schutz, den die eigene Wohnung bietet. Darum ist es für sie auch so wichtig, dass es bei diesem Projekt keine Kontrolle und keine Bedingungen gibt – bis auf die „leise" Begleitung, wie sie Stefanie Albig und die anderen Sozialarbeiterinnen praktizieren.

Elke Ihrlich erinnert sich denn auch an jene junge Frau, die sofort ihre Ausbildung wieder aufgenommen hat. „Aller Seelenstress fällt von den Frauen ab", sagt sie. Und verweist nicht ohne Stolz darauf, dass 90 Prozent der Frauen ohne Rückfall sind, es also im ersten Anlauf in der neuen Wohnung schaffen, wieder im eigenen Leben anzukommen.

Zur Verfügung gestellt werden die Wohnungen unter anderem von großen Gesellschaften wie der katholischen Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft und der evangelischen Hilfswerk-Siedlung in Berlin, und sogar das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen ist mit von der Partie. „Mit 231.500 Euro allein im letzten Jahr hat die Berliner Senatsverwaltung für Soziales das deutschlandweit einmalige Projekt ermöglicht", erläutert Elke Ihrlich.

Genau diese Forderung steht auch in einem Positionspapier, das 2017, ein Jahr vor Projektgründung, entstand und die Unterschrift von sieben Frauen trägt: „Politik und Verwaltung müssen überzeugt werden, dass ein Ansatz wie Housing First nicht nur geeignet ist, die Würde der Betroffenen zu wahren, sondern dass mit den eingesetzten Mitteln größere und nachhaltigere Effekte bei der Prävention und Bekämpfung von Wohnungslosigkeit erzielt werden." Mit anderen Worten: Es geht neben der existentiellen Hilfe zur Selbsthilfe um die Frage, wie der zunehmenden Wohnungslosigkeit von Menschen in unserem reichen Land gesellschaftspolitisch wirksamer begegnet werden kann.

Die Unterzeichnerinnen des dazu wegweisenden Positionspapiers gehörten dem mittlerweile aufgelösten überparteilichen „Initiativkreis Wohnraum für Frauen" an, der sich vor allem der Lobbyarbeit für wohnungslose Frauen widmete. Henny Engels, eine der hier engagierten Frauen, erinnert sich an den Vorlauf bis zu der Idee, wie das Housing-First-Projekt verwirklicht werden könnte. Anfang der 1990er Jahre hatte die Frauenrechtlerin und FDP-Politikerin Carola von Braun gemeinsam mit Jutta Limbach und Christine Bergmann, beide SPD, sowie Sibyll Klotz von Bündnis 90/Die Grünen die „Überparteiliche Fraueninitiative Berlin – Stadt der Frauen" ins Leben gerufen. Ein effektives politisches Netzwerk von und für Frauen, bei dem natürlich neben vielen anderen Fragen auch das Thema Wohnungslosigkeit eine Rolle spielte.

Henny Engels, die 2001 aus dem Rheinland nach Berlin kam, erzählt von den ersten Diskussionen im Initiativkreis, bei denen es um ein Haus ging, in dem Wohnungen für die Frauen zur Verfügung gestellt werden sollten. Diese Idee wurde bald wieder verworfen. „Wir haben dann ziemlich schnell Feuer für das Modell Housing First gefangen", sagt die rührige Politikwissenschaftlerin. Schließlich seien „alle Menschen wohnfähig". Sie brauchten aber Prozesse, die ihnen Mut machen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen und sich ihrer eignen Fähigkeiten bewusst zu werden. „Und zwar oft nach Zeiten der Demütigung."

Die Geschichte von Housing First gibt ihr Recht. Das in den USA entwickelte Modell zur Beendigung von Obdachlosigkeit ist inzwischen auch in Europa erfolgreich, etwa in den Städten Amsterdam, Kopenhagen, Glasgow, Wien und Lissabon. Wie auch in Berlin richtet sich das Angebot an alle Frauen, macht keinen Unterschied, welche sexuelle Orientierung, welche Ausbildung sie haben oder welche Vergangenheit. „Das klappt. Schließlich spiegelt es die Vielfalt des Lebens wider", ist Henny Engels überzeugt.

Bettina Röder hat Kunsterziehung, Kunstgeschichte und Deutsch studiert. Sie hat als Lehrerin, Redakteurin und Journalistin gearbeitet, zuletzt als Verantwortliche Redakteurin im Berliner Buro der Zeitschrift Publik Forum. Heute lebt sie als freie
Journalistin in Berlin. www.publik-forum.de/Autor/bettina-roeder

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