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Ich habe einen Auftrag. Solange ich noch hier bin, erzähle ich meine Geschichte und vergesse es auch nicht. Ich vergesse es nicht und erzähle meine Geschichte. (Zilli Schmidt)

Gemeinsam für eine gerechtere Welt einstehen

Überlegungen zu Nikodemus

von Nina Kleinsorge

Nina Kleinsorge

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Irgendwann am Beginn des ersten Jahrhunderts n.Chr. in Syrien – oder vielleicht in Kleinasien? Christusgläubige erzählen von der Geschichte Jesu und dem Glauben an seine Werke für die hoffnungsvolle Zukunft einer gerechteren Welt. Ein Mensch, nennen wir ihn Johannes, will die Geschehnisse spirituell deuten und in Beziehung zu philosophischen Konzeptionen setzen. Die frohe Botschaft von Jesu Christi Wunderwirken, Richten und Retten spricht hinein in die Situation, in der sich seine kleine Gemeinde gerade befindet: Der Glaube an Jesus Christus als Auserwählten vom Gott Israels muss wach gehalten – und verteidigt werden. Es wird um Anerkennung und Rechte in der römischen Provinz gekämpft. Da geht es den Christusgläubigen wie den anderen Juden*. Insbesondere seit es das Synhedrium nicht mehr gibt und die jüdische Gruppe der Pharisäer ihre religiöse Vormachtstellung verloren hat, muss sie ihre Rolle in der Politik ständig behaupten.

Johannes' Gemeinde emanzipiert sich allmählich vom entstehenden pharisäischen Judentum. Während sie im Gekreuzigten den Messias sieht, verurteilt die Mehrheit ihrer jüdischen Geschwister im Abgrenzungsprozess diesen Glauben aufs Schärfste. Die johanneische Gemeinde ist mit sozialer Ächtung, wirtschaftlicher Ausgrenzung und Vorwürfen der Blasphemie konfrontiert, was schließlich im Synagogenauschluss kulminierte.

Die Trennung wirft in der johanneischen Gemeinde Fragen auf: Es müssen eigene Regeln für das soziale Leben, aber auch für Glaubensgrundsätze geschaffen werden.

Und dieser Johannes muss sein eigenes Trauma, seine Trennung von der Muttergemeinde verarbeiten.

Der Konflikt zwischen Christusgläubigen und pharisäischen Juden* ist um die erste Jahrhundertwende explosiv. In diese Zeit hinein schreibt ein Mensch – oder mehrere Johannesse? – die Begegnung von einem Pharisäer mit dem Streitobjekt Jesus.

Mitten in der Nacht fand Nikodemus den Weg zu Jesus, dessen Name in aller Munde war.

Was könnte dieser Pharisäer überhaupt von Jesus gewollt haben? Er selbst ist Mitglied des Synhedriums, in dem jüdische Gelehrte zu religiösen Fragen berieten und Entscheidungen für die Gemeinschaft trafen. Vielleicht wollte er des nachts, wie es üblich war, ein tiefgründiges Gespräch über die Heilige Schrift führen? Allerdings kommt er nicht mit einer Frage oder einem konkreten Anliegen zu Jesus. Vielleicht treibt ihn seine Neugierde an, den Menschen kennenzulernen, über den alle sprechen. Als er Jesus gegenübersteht, zollt er diesem seinen Respekt.

Er, der die weitaus privilegiertere Position inne hat, tituliert Jesus als Lehrer – und zwar als einen, der von Gott beauftragt wurde. Mit dieser Aussage lehnt sich Nikodemus weit aus dem Fenster. Sollte Jesus Nikodemus Gewissheit geben? Er fand auf jeden Fall viel mehr. Das nächtliche Gespräch scheint Nikodemus tief beeindruckt zu haben. Gegenüber den jüdischen Autoritäten tritt er später für Jesus ein (Joh 7,50-52) und bei der Grablegung bringt er Myrrhe und Aloe zur Salbung Jesu Leichnams (Joh 19,39).

Trotz der Spannungen während der Abfassung des Textes an der Jahrhundertwende und trotz der unterschiedlichen sozialen Stellung wird ein intellektuelles Gespräch auf Augenhöhe beschrieben. Es bleibt offen, ob Nikodemus sich zu Christus bekennt. Und entgegen der Wirkungsgeschichte dieser Perikope, die entweder ein kryptisches oder explizites Bekenntnis zu Christus in den Aussagen und Taten Nikodemus' sieht, interessiert Jesus dies nicht.

Die von vielen Menschen geteilte Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt ist das Thema des Gesprächs. Jesus Christus personifiziert eine neue Menschlichkeit, die soziale und religiöse Identitätskonflikte aushebelt.

Sein offener Umgang mit Nikodemus, die gegenseitige Akzeptanz und die Zusage der Gottesliebe an alle Menschen (V. 16), verdeutlicht: Der jüdische Gelehrte Nikodemus hat ebenso wie die Christusgläubigen der johanneischen Gemeinde an einer gerechteren Welt teil. Obwohl „die Juden" im Evangelium des Johannes oft sehr abwertend für Menschen stehen, die Jesus ablehnen, verschließen beide sich nicht. Sie diskutieren auf Augenhöhe, wie Jesus auch in voller Akzeptanz im darauffolgenden Kapitel der Frau in Samaria begegnet.

Das Werk Jesu in jüdisch prophetisch-messianischer Tradition besteht nach Gollwitzer in der „Revolution des Menschengeschlechts, der einzelnen und aller, zu einem neuen Leben, zum wirklichen, erfüllten Menschsein."1 Das Tun gerechter Taten, das Einstehen für die Nächsten, lässt Menschen schon jetzt am neuen Leben teilhaben – unabhängig ihres Glaubens.

Christ*innen verstehen dieses Mitwirken am Reich Gottes als Nachfolge Jesu, der selbst diese neue Menschlichkeit verkörperte. In ihm zeigt sich Gott in der Welt: „Nur durch mich gelangt ihr zu Gott, der Quelle allen Lebens" (Joh 14,6). Wenn Nikodemus in V. 2 die Wunderzeichen hervorhebt, zeigt er die Bedeutung Jesu für christliches Leben: Er lebt das Menschen Mögliche vor, Gott in der Welt zu inkarnieren. Durch sein Wunderwirken und Heilen, durch seine Nähe zu Ausgestoßenen, durch sein Ausschütten von Liebe in der Welt wird Gott erfahrbar. Jesus fordert auf, in seiner Liebe zu bleiben (Joh 15,9-11). Auf diese Weise wird menschlichem Übel Einhalt geboten und ebenso in seiner Liebe den jüdischen Geschwistern begegnet. „Somit ist Gott nicht allein in Christus Mensch geworden, sondern die Inkarnation Gottes setzt sich fort in all jenen Menschen, die wie Jesus am Reich Gottes mitarbeiten und Gott durch liebendes, heilendes und gerechtes Handeln in die Welt hineintragen."2 Das gemeinsame Erinnern von Christ*innen an Jesus und der Glaube an seine Auserwählung von Gott sind die Erinnerung daran, die Ungerechtigkeit in der Welt nicht zu ignorieren, nicht auf Besserung zu warten, sondern sie zu sein.

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass sie ihren Erwählten, ihr einziges Kind, gegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben." (V. 16)

Jesus hat vom Reich Gottes gepredigt und nicht sich selbst verkündet. Die Inkarnation Gottes findet nicht allein in Christus statt und die Hoffnung auf ein „ewiges Leben" ist nicht allein an Christus gebunden. Nichts ist verloren und eine andere Welt, frei von Unterdrückung, Armut und Ausbeutung ist möglich. Diese religiös-politische Vision teilen Christ*innen mit Menschen auf der ganzen Welt. Zu Beginn sprechen Nikodemus und Jesus über das Kommen des Reich Gottes: Es bringt für alle Menschen, vor allem für jene, die gegenwärtig am meisten leiden, eine gerechtere Welt. „Denn Gott hat ihren Erwählten nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird." (V. 17) Die Rettung der Welt ist kein Selfmade-Project Gottes. Sie, die in Jesu Worten und Werken bis heute ausstrahlt, verdeutlicht einen geschichtlichen Prozess der Befreiung, der alle Dimensionen des Menschseins umfasst und an dem die Menschen gemeinsam mit Gott, der göttlichen Kraft, mitwirken. Rettung geschieht durch Liebe, die Menschen in ihren Beziehungen und ihren Taten leben. Das Erlösungswerk liegt auf allen Schultern und ist nicht abhängig von meiner Beziehung zu dem Christus.

Diese Rettung der Welt ist im Gespräch zwischen Nikodemus und Jesus eng verbunden mit der Rede vom Gericht. Dem Erbe der traditionellen patriarchalen Theologie haben wir es zu verdanken, dass in unseren Köpfen beim Gericht Gottes angstgetränkte Bilder erscheinen. „Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen" (V. 19).

Wir brauchen keine Angst vor dem Gericht zu haben. Ja, oft schauen wir weg, ertragen bloß wo wir handeln könnten. Aber das Gericht erleuchtet alles und deckt auf. Es hat die Macht zu verwandeln und wir haben die Macht, uns erleuchten zu lassen. Weil alles aufgedeckt wird, weil es offensichtlich wird, werden wir gerettet.

Anmerkungen
1 H. Spaemann (Hgs.), Wer ist Jesus von Nazareth – für mich? 100 zeitgenössische Zeugnisse, München 1973, S. 21ff.; zitiert aus: D. Sölle, Gott denken. Einführung in die Theologie, München 1997, S. 140.
2 Doris Strahm, Vom Verlangen nach Heilwerden – feministisch-theologische Re-Visionen der Christologie, in: KATHARINAfeier. Kritisch-theologisch-feministisch – Eine Nachlese, hg. v. A. Steinpatz u.a., Frankfurt a.M. 2015, S. 114

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