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als die Kosten einen Fehler zu machen.(Meister Eckhart 1260-1327)

Die Fürstinnen der Hohenzollern und ihre Politik

von Beate Neubauer

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Der erste Gedanke beim Lesen der Überschrift mag sein: Wieso waren die Hohenzollernfürstinnen politisch engagiert? Frauen hatten damals, auch wenn sie dem Hochadel angehörten, keinerlei öffentliche Rechte; also können sie keinen politischen Einfluss genommen haben.

Soweit scheint das eine gültige Feststellung, aber bei näherer Betrachtung stellen sich Thesen, die gestern noch unumstößlich schienen, heute als hinterfragbar dar. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich der Blick auf Frauen in der Geschichte deutlich erweitert. Von der Frauenforschung bis zum Gendermainstream war es ein weiter Weg, er hat aber einige erstaunliche Erkenntnisse gebracht. Vor allem rund um Frauen in der Gesellschaft, von der griechischen Polis bis zum Nationalsozialismus, sind manche Quellen neu gesichtet und aktuell interpretiert worden. Da musste dann manches am Frauenbild der 1980er Jahre revidiert werden. Selbst die grundsätzliche These von den drei „K": Kirche, Kinder, Küche ist heute nicht mehr durchgängig haltbar.

Es gab sie von Anbeginn an, die Frauen, die sich in ihrer Zeit einmischten und vor Komplikationen nicht zurückscheuten, um neue Wege gehen zu können. Dass es nicht nur einige wenige bekannte Namen sind, die in den Schulgeschichtsbüchern über Generationen übernommen wurden – wie Jeanne d´Arc oder Katharina die Große, Zarin von Russland – sondern eine erstaunliche Anzahl weithin unbekannter Frauen Einfluss nahmen, lässt sich etwa an der Vielzahl neu erschienener historischer Frauenbiographien nachvollziehen.

Und welche frauenpolitischen Beispiele gibt es nun für Berlin-Brandenburg,
wo die Dynastie der Hohenzollern über 500 Jahre Erfolgsgeschichte schrieb? War das wirklich nur eine männliche Domäne, jene Politik, die durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, den ersten König in Preußen, Friedrich I., und Friedrich II., den Philosophen und Aufklärer auf dem preußischen Thron, bestimmt wurde? Welche der Fürstinnen der Hohenzollern ist denn überhaupt noch in der kollektiven Erinnerung deutlich erkennbar? Ja, natürlich, die Eine, Einzige: die wunderschöne Königin Luise von Preußen (1776-1810), dieser Inbegriff preußischer Weiblichkeit.


Die wunderschöne Luise

Aber auch Luise war eben nicht nur wunderschön, ihrem Gemahl, Friedrich Wilhelm III., eine vorbildliche Gattin und liebevolle Mutter ihrer sieben überlebenden Kinder, sondern sie brachte ihren Charme und ihre wache Intelligenz durchaus politisch ein. Man lese nur ihre so informativen wie unterhaltsamen Briefe1 – und plötzlich erschließt sich nicht nur eine politisch hoch brisante Umbruchzeit, sondern mit Staunen werden die Leserin und der Leser feststellen, dass die Königin Luise und manche ihrer Hofdamen fest auf dem Boden der politischen Verhältnisse standen. Der Einfluss Luises auf ihren Mann wurde natürlich auch von den Politikern des Hofes erkannt. Der Kanzler, Fürst Hardenberg, vertraute auf ihre weibliche Intuition und auf ihre Diplomatie. So vermittelte Luise von Preußen zwischen ihrem politisch sehr zurückhaltend agierenden Gemahl und den Politikern Preußens, traute sich aber auch auf die große politische Bühne.

Es war ein einmaliges Ereignis, dass eine Fürstin, eine Frau, sich in die Friedensgespräche zwischen Napoleon Bonaparte und dem Zaren Alexander I. von Russland – einem engen Freund des preußischen Königspaares – zugunsten der preußischen Interessen einmischte.2 Das Treffen in Tilsit 1807 war auch für Napoleon ein Novum, er schrieb an seine Gemahlin nach Paris: „Es hätt mir schlecht angestanden, den Galanten zu spielen, an mir rann ihr Charme ab wie an einer Wachsleinwand. Aber ich muss es zugeben, sie ist eine ungewöhnliche Frau." Die Bemühungen Luises um moderatere Friedensbedingungen für Preußen wurden international mit Hochachtung gewertet, übernommen wurden ihre Vorschläge nicht. Drei Jahre später starb Luise von Preußen, erschöpft auch von zehn Geburten in 17 Ehejahren und enttäuscht von den Zeitereignissen. In einem Brief an ihren Vater von 1808 schrieb sie ihre Sicht auf die politischen Verhältnisse in der Form eines politischen Testaments, „… so gut ich, als eine Frau, es darlegen kann."

Ein ganzes Volk trauerte, Legenden entstanden und der Mythos der schönen, klugen und vor allem sich einmischenden Luise von Preußen war geboren. Luise wurde zur Vorzeigefrau, politisch benutzt und für die eigenen Interessen zurechtgebogen – im Deutschen Kaiserreich ebenso wie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Nach der Auflösung Preußens 1945 wurde
in beiden deutschen Staaten keinesfalls ein positives Preußenbild gezeichnet, nur die populäre Luise überstand die Zeiten. Nach der Wiedervereinigung und der Erinnerung an die gemeinsame deutsche Geschichte und deren Neubewertung wurde sie als einzige der Hohenzollernfürstinnen in verschiedenen Biographien wiederentdeckt. Bei thematischen historischen Stadtführungen konnte ich feststellen, dass die Anekdoten über die schöne Königin Luise keineswegs an Popularität verloren haben und noch manche über Generationen weitergegebene Erzählung über ihre politische Einflussnahme und ihr soziales Engagement, wie wir heute sagen würden, die Zeiten überdauert hatte.


Elisabeth von Dänemark

Und die Unbekannten unter den Hohenzollerndamen? Zu den herausragenden und ihre Zeit durchaus politisch beeinflussenden gehörte die Kurfürstin Elisabeth von Dänemark (1485-1555). Mit 17 Jahren verheiratete sie ihr Vater nach Brandenburg. Der brandenburgische Kurfürst Joachim I. Nestor war eine „ebenbürtige" Partie.3

Die Ehe der dänischen Prinzessin, die eine ausgezeichnete Bildung erhalten hatte und in mehreren Sprachen – darunter Griechisch und Kirchenlatein –
las und parlierte, mit dem derben und vor allem der Jagd frönenden Brandenburger war alles andere als glücklich. Der Kurfürst lebte mit seinen Mätressen und der Jagd im Grunewald. Die Kurfürstin hatte viel Zeit zum Lesen, zur Korrespondenz mit den großen Geistern der Zeit und zum Nachdenken. Sie entdeckte die Brisanz der Schriften des Dr. Martin Luther aus dem nahen Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg. Vor allem der Gedanke, dass zwischen Gott und den Menschen keine alleinseligmachende Kirche notwendig sei, soll sie angesprochen haben. Die Versuche, mit ihrem Mann über diese religionswesentliche Problematik zu sprechen, ihn gar für die lutherischen Gedanken zu gewinnen, scheiterten am Desinteresse des Kurfürsten. Er äußerte sich deutlich: Religiöse Fragen waren hochpolitische Fragen. Eine Frau hatte sich keinesfalls in solche Bereiche männlicher Macht und Rechtsvorstellung einzumischen. Was ging eine Fürstin ein exkommunizierter Mönch an, der nur Unruhe stiftete? Der Kurfürst von Brandenburg verbot jede Verbreitung lutherischer Schriften.

Elisabeth von Dänemark erregte einen europäischen Skandal, als sie unter solchen Bedingungen beschloss, ihren Mann zu verlassen und nach Wittenberg zu Luther zu ziehen; später wurde sie in Sachsen aufgenommen. Die christliche Ehe war ein Sakrament, und eine Frau, die dieses von Gott gegebene Band zerbrach, stand außerhalb von Recht und Gesetz. Und dass sie ihren Gatten verließ um religiöser Unterschiede willen, in einer Zeit, in der die lutherische Lehre noch heiß umstritten war, zog die Trennung des kurfürstlichen Paares auf eine hochpolitische Ebene, die selbst Martin Luther „in Erregung versetzte, was die Zukunft bringen würde". Ein Präzedenzfall, in dem eine Frau die Hauptrolle spielte, indem sie selbst ihrem Gewissen entsprechend entschied. Ihre Durchsetzungsfähigkeit wurde in ganz Europa bekannt und brachte viele Adlige, aber auch BürgerInnen dazu, sich nun mit den Lehren Luthers zu beschäftigen – der Protestantismus breitete sich in allen Teilen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation immer schneller aus.

Als der Kurfürst von Brandenburg nach siebenjähriger ehelicher Trennung in Berlin verstarb, ließ sich sein und Elisabeths Sohn, Kurfürst Joachim II., in der Schlosskirche von Spandau das Abendmahl in beiderlei Gestalt geben und schloss sich dem Luthertum an. Brandenburg war das zweite Kurfürstentum nach Sachsen-Wittenberg, das sich der Reformation zuwandte. Elisabeth von Dänemark verstarb 70jährig in Spandau, ihrem Witwensitz, und wurde von den Lutheranern im ganzen Reich als willensstarke Vorkämpferin noch jahrhundertelang geehrt.


Dorothea von Lüneburg

Es gibt noch eine Hohenzollernfürstin, die politisch so aktiv war, dass es erstaunlich ist, wie wir in Berlin ihre segensreiche Tätigkeit so ganz vergessen haben, obwohl ihr Name durchaus bekannt sein dürfte. Aber wer, die oder der den Dorotheenstädtischen Friedhof besucht oder in der Dorotheenstadt die Humboldt-Universität kennt oder in der Dorotheenstraße von der Museumsinsel bis zum Reichstag läuft, kennt noch die Namensgeberin und weiß um deren Verdienste?

Die Herzogin Dorothea von Lüneburg, geborene Prinzessin von Holstein-Sondersburg-Glücksburg (1636-1689) war bereits 32 Jahre alt – und das galt im 17. Jahrhundert wahrhaftig als ein fortgeschrittenes Alter für eine Frau – und kinderlose Witwe, als sie die zweite Ehefrau des Großen Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, wurde. Eine der wenigen Liebesehen im Hause Hohenzollern, und auch das hatte Auswirkungen auf die Aktivitäten der Kurfürstin; eine Pflichtehe ließ den Frauen deutlich weniger Freiraum. Der Große Kurfürst war offensichtlich sogar stolz auf seine kluge und vor allem unternehmerisch begabte zweite Gemahlin, die ihm noch sechs Kinder gebar. Bereits mit seiner ersten Gemahlin, der praktisch denkenden und das nach dem 30jährigen Krieg heruntergekommene Brandenburg überlegt aufbauenden Luise Henriette von Oranien – Schloss Oranienburg erinnert an sie – hatte er eine selbständig handelnde Frau an seiner Seite kennen und schätzen gelernt.

Dorothea erwies sich ebenfalls als ungewöhnlich tatkräftige und politisch denkfähige Partnerin. Bereits zur Eheschließung brachte sie als Geschenk nicht etwa Gold oder Geschmeide, sondern Winterlinden und Nussbäume mit. Vom Stadtschloss bis zum Tiergarten, dem Jagdgebiet des Kurfürsten, wurden sie gepflanzt, es entstand Unter den Linden. Das Land rechts der Linden schenkte der Kurfürst seiner geliebten zweiten Gemahlin, und es erhielt deren Namen. Die Dorotheenstadt ist bis heute eine interessante Ecke Berlins, nicht nur, weil Frau Dr. Merkel dort ihre private Adresse besitzt. Wer über die nächsten Jahrhunderte bis 1945, wo sie zerstört wurde, zur Dorotheenstädtischen Kirchgemeinde gehörte, wurde auf dem vor den Toren eingerichteten Dorotheenstädtischen Kirchhof begraben.

Dorothea war offensichtlich eine politisch wie unternehmerisch hochbegabte Frau. Ihren großen Einfluss auf den Kurfürsten, der auf ihr Urteil alles gab, ließ sie sich nicht selten gut bezahlen. Vom Geld in ihrer Schatulle wurde dann auch Schloss Caputh eingerichtet, denn das Land um Potsdam hatte der Kurfürst ihr überlassen. Sie verwaltete es selbst und mit so großem Erfolg, dass sie für ihre Söhne das Markgrafentum Schwedt an der Oder kaufen konnte. Sie lieh sogar ihrem Gemahl finanzielle Mittel, wenn dieser in Nöten war. Heute wäre sie eine gute Bankerin geworden.

Nach dem Tod des Großen Kurfürsten übernahm dessen Sohn aus der Oranierehe die Regentschaft, und Dorothea verlor ihren Einfluss. Sie verstarb unter ungeklärten Umständen in Karlsbad, 51 Jahre alt. Ihr Vermögen wurde einbehalten, die Erinnerung an sie verblasste schnell.


Sophie-Charlotte von Braunschweig-Lüneburg

Natürlich waren nicht alle Fürstinnen gute Politikerinnen. Je nach Bildungsstand, aber auch nach persönlicher Eignung und den jeweiligen Machtverhältnissen am Berliner Hof war ihr Einfluss nachhaltiger oder geringer. Die Möglichkeit hat aber stets bestanden, sich politisch zu informieren und zu positionieren – und somit ein Frauenbild, das sowohl religiös als auch traditionell für Fürstinnen wie für Bürgerinnen bestand, zu relativieren.

Zu denen, die noch gewürdigt werden müssten, gehört auch die erste Königin in Preußen, Sophie Charlotte von Braunschweig-Lüneburg. Völlig zu Recht gilt sie als klügste Frau der Hohenzollern. Sie versuchte in ihrem Schloss Lietzenburg – dem nach ihrem frühen Tod nach ihr benannten Charlottenburg – eine Frauenakademie einzurichten. Ihrem Freund und Mentor Leibniz schrieb sie sinngemäß, dass Frauen ebenso denkfähig seien wie die Männer, was zu beweisen wäre.
In ihrem Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, wurden nicht zuletzt die Salons, in denen die Salonièren geistvolle Gesellschaften gaben, zu Brutstätten der Ideale, die die europäische Welt verändern sollten. Längst war das Bildungsprivileg nicht nur adligen, sondern auch bürgerlichen Frauen wichtig. Am Ende dieses 18. und zu Beginn des später bürgerlich genannten 19. Jahrhunderts begann dann der Aufbruch von Frauen, die sich auch am Mythos der Luise von Preußen orientierten, sich aber vor allem eigene Vorbilder suchten, um in einer sich ständig verändernden Welt ihre Stimme einzubringen.

Als die erste deutsche Kaiserin, Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, den Frauenvereinen ihre Unterstützung zusagte und ihre Schwiegertochter, die englische princess royal, bereits liberale Frauenfragen diskutierte, war die Zeit bald reif, um den Frauen eigene Rechte wie das Recht auf Bildung und schließlich auch das Wahlrecht zuzugestehen.

Auch das Private ist politisch – das waren wieder andere Zeiten und andere Frauen. Aber eigentlich ist diese Erkenntnis so alt wie die Frauengeschichte.


Beate Neubauer ist in Saalfeld, Eisenach und Weimar aufgewachsen. Die studierte Historikerin arbeitet Themen der Frauengeschichte auf und vermittelt sie u.a. in Frauentouren durch Berlin. – mehr unter www.frauentouren.de und
www.beateneubauer.de. Wer gern weiterlesen möchte, dem/der empfehlen wir ihre in der edition ebersbach Berlin erschienene Buchform: „Hexenküchen, Schlösser und Salons". Viel Vergnügen beim Lesen!

Anmerkungen:
1) Malve Gräfin Rothkirch (Hg.): Königin Luise von Preußen. Briefe und Aufzeichnungen 1786-1810
2) Das Bild oben zeigt die „Unterredung der Königin Luise mit Kaiser Napoleon I. in Tilsit" am 6. Juli 1807, aus: Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt, Verlag Paul Kittel, Berlin 1896 / Quelle: commons.wikimedia.org
3) Ebenbürtig zu heiraten, war für den europäischen Adel eine existentielle politische Entscheidung. Die Heiratspolitik entschied über das Aufsteigen oder den Fall von Familien. Der Hochadel musste 16 ebenbürtige Ehen (also Inzucht im weiteren Sinne) nachweisen, der niedere Adel benötigte acht. Nach der Sympathie der PartnerInnen wurde nur selten gefragt.

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